Den Herrn lenken lassen

Janenes Geschichte


Ein Fahrrad vor einer Wohnanlage

Ich bin die Mutter eines drogensüchtigen, alkoholabhängigen Sohnes und bin gerade dabei, mich aus meiner Co-Abhängigkeit zu befreien.

Jahrelang waren mein Mann und ich extrem in der Kirche engagiert. In der Gemeinde waren wir immer die Ersten, die neu zugezogene Mitglieder und Bekehrte zum Essen einluden. Unsere Familie war eine Säule der Gemeinde. und wir waren in so mancher führenden Position tätig.

Doch dann fanden wir heraus, dass unser Sohn drogensüchtig und alkoholabhängig war. Ich zog mich ganz zurück und lud auch die Verwandten nicht mehr zu uns ein. Ich schaffte es kaum noch, meine Berufung im Kindergarten zu erfüllen, und wenn ich mal dort war, weinte ich fast die ganze Zeit. Es tat weh, zur Kirche zu gehen, denn mein Schmerz schien noch größer, wenn ich miterlebte, wie die Jungen im Alter meines Sohnes im Priestertum aufstiegen. Ich hatte das Gefühl, ich sei eine Versagerin.

Einmal war ich wegen meines Teenagers so verzweifelt, dass ich völlig vergaß, zur Arbeit zu gehen. In meinen krampfhaften Versuchen, sein Verhalten zu überwachen, ihn zu retten und von Drogen und Alkohol loszubekommen, vernachlässigte ich alles andere. Mir wurde bewusst, dass ich völlig aus den Augen verloren hatte, wer ich war, so besessen war ich von dem Bemühen, meinen Sohn vor Rückfällen zu bewahren.

Aus der Erkenntnis heraus, dass ich Hilfe benötige, fing ich an, die Familienhilfegruppe im Rahmen des Genesungsprogramms für Suchtkranke zu besuchen. Bei den ersten Treffen fragte ich mich, wie diese Leute denn so glücklich sein und den Geist bei sich haben konnten, wo doch jemand, den sie lieben, so selbstzerstörerisch lebt. Ich dachte bei mir: „Für sie mag das ja in Ordnung sein. Aber ich kann erst glücklich sein, wenn mein Sohn ein Adlerscout ist und eine Mission erfüllt.“

Eines Tages sagte der Gruppenleiter: „Es gibt einen Erretter, aber der sind nicht Sie.“ Diese Bemerkung war der Anstoß, der mich zum Nachdenken brachte.

Ich dachte mir ein Gleichnis aus, das mein Leben symbolisiert. In diesem Gleichnis gleicht das Leben einer Fahrt auf einem Tandem. Allzu oft hatte ich den Herrn auf den Platz hinter mir verwiesen und trat vorne in die Pedale, stieß blindlings mit jedem Hindernis zusammen und flehte ihn an, sich doch mehr anzustrengen. Wenn ich Christus jedoch vorne lenken lasse, weiß er schon, welchen Weg er nehmen muss, und er steuert mich dann sicher durch Gefahren und Schwierigkeiten. Ich muss dann nur so gut in die Pedale treten, wie ich eben kann. Und wenn ich müde werde, stärkt er mich.

Endlich erkannte ich, was es heißt, eine Sache in Gottes Hand zu legen. Ich war nahezu überwältigt von seiner Liebe für mich und für meinen Sohn. Meine Angst und meine Sorgen wichen innerem Frieden und Gottvertrauen. Meine Last wurde wahrhaftig leicht gemacht – etwas, was ich vorher nie für möglich gehalten hätte.

Heute lade ich wieder Gäste ein, gehe unter Leute und festige die Verbundenheit innerhalb unserer wachsenden Familie. Ich erfülle wieder treu meine Berufungen. Ich springe gern als Ersatzlehrerin ein und nähe für meine Enkelkinder. Mein Mann und ich arbeiten nun schon seit einigen Jahren als Schulungs- und Gruppenleiter in der Familienhilfegruppe in unserem Pfahl mit. Woche für Woche können wir Wunder erleben, wenn sich nämlich Brüder und Schwestern auf den Weg begeben, wo sie dank des Sühnopfers Heilung finden.

Wenn jemand aus der Gruppe dann Zeugnis gibt, staune ich ob der Weisheit, die er sich auf seinem Leidensweg angeeignet hat. Die Macht, die in Umkehr und Vergebung liegt, wurde mir erst durch die Gruppe so richtig bewusst. Und so lerne ich in der Gruppe und mache weiterhin Fortschritt in Zusammenhang mit meinem Sohn und seinem Suchtproblem. Und solange ich dem Herrn das Lenken überlasse, wächst meine Zuversicht. Das Herz quillt mir über vor Dankbarkeit für all die Segnungen, die ich zuvor in meiner Verzweiflung nicht wahrgenommen habe. Ich bin stärker und weiser, liebenswerter und liebevoller geworden. Zwar wünsche ich niemandem so eine Prüfung, doch habe ich dabei – wie nie zuvor – erfahren, was Vertrauen und Wahrheit wirklich bedeuten.