Wieder zu mir finden

Alicias Geschichte


Eine Frau blickt sinnend vom Schreibtisch aus dem Fenster

Kurz nachdem mein Mann und ich uns verlobt hatten, gestand er mir, dass er in der Vergangenheit mit der Sucht nach Pornografie zu kämpfen gehabt hatte. Er war sich dessen bewusst, dass ich die Verlobung nun lösen könnte, doch er wollte mir gegenüber völlig ehrlich sein.

Nachdem ich darüber nachgedacht und auch gebetet hatte, beschloss ich, die Verlobung aufrechtzuerhalten. In meiner Jugend war ich über das Sühnopfer und Gottes Vergebung belehrt worden. So dachte ich, dass sein Problem der Vergangenheit angehöre. Ich wusste, dass es mir nicht zustand, ihn für etwas zu verurteilen, von dem er bereits umgekehrt war, und ich ging nicht davon aus, dass Pornografie in unserer Ehe zum Problem werden würde.

Doch nur fünf Monate nach der Hochzeit trat die Sucht wieder auf. Als seine Frau beschloss ich, dass ich ihm helfen müsse, sein Problem in den Griff zu bekommen. Auf einmal standen wir als Ehepaar nun nicht mehr auf derselben Stufe: Statt Mann und Frau waren wir nun Sünder und Heilige. Ich meinte, ihn retten zu müssen, weil es meine Pflicht sei. Fünf Jahre, zwei Kinder und einen Umzug später war die Situation jedoch fast unverändert.

Ich konnte nicht begreifen, dass es mir nicht gelang, das Problem meines Mannes in den Griff zu bekommen. Ich hatte ihm Bücher, Artikel und Schriftstellen zum Lesen gegeben sowie Lieder zum Anhören und Ratschläge, wie er mit dem Problem fertigwerden solle. Und doch befasste er sich weiterhin aktiv mit Pornografie. Am meisten schmerzte es mich, dass er auch angefangen hatte, mich deswegen zu hintergehen. Eines Abends fühlte ich mich in meinem Gram ganz alleine. Ich schloss mich im Badezimmer ein, setzte mich komplett bekleidet in die leere Badewanne, zog den Vorhang zu und weinte hemmungslos. An jenem Tag betete ich nicht, indem ich andächtig meine innersten Gefühle zum Ausdruck brachte. Vielmehr hatte ich einen tobenden Ausbruch ungefilterter Emotionen, der sich aus den Tiefen meiner Seele ergoss.

Meine Gedanken rasten vor Fragen: War dies nun das Ende meiner Ehe? Hatte ich mich dafür tugendhaft und rein gehalten, dass ich nun in einer Ehe lebte, die von Pornografie durchsetzt war? War es ein Zeichen von Stärke, dass ich so lange durchgehalten hatte, oder war ich einfach nur unglaublich dumm? Wer konnte mir wohl helfen?

Die Flut meiner Gedanken geriet gerade so lange ins Stocken, dass mich der Vater im Himmel wissen lassen konnte, was ich tun solle, nämlich: um einen Priestertumssegen bitten. Ich scheute mich davor, jemandem zu erzählen, was bei uns vor sich ging. Doch an jenem Tag schien es eine willkommene Erleichterung, mich in meinem Schmerz jemandem anvertrauen zu können. Mir war klar, dass das geschehen musste.

Sehr bald bat ich daher meinen Bruder um einen Segen. Als ich von ihm nach Hause kam, hatte ich das Bedürfnis, wenigstens eine Erfolgsgeschichte in einem ähnlich gelagerten Fall zu finden. Ich sagte mir: „Wenn ich nur eine einzige Geschichte finde, wie einer dem Sog der Pornografie entkommen ist, dann könnte ich noch einen weiteren Tag durchhalten.“ Zum Glück fand ich an jenem Abend mehr als nur eine einzige Geschichte. Ich stieß auch auf Bücher, die von einem Paar, das der Kirche angehört, geschrieben worden waren. Sie beschrieben darin genau das, was ich zu tun versucht hatte –wie nämlich der eine süchtig war nach Pornografie und der andere versucht hatte, die Sucht des Ehepartners in den Griff zu bekommen. Umgehend bestellte ich die beiden Bücher. An dem Tag, als sie mit der Post kamen, verschlang ich förmlich das von der Frau verfasste Buch.

Zuerst war es schwer, mich der Tatsache zu stellen, dass mein Mann ein Suchtproblem hat. Ein Problem, gewiss, aber doch keine Sucht! Bei dem Gedanken daran erschauderte ich. Je mehr ich las, desto mehr sah ich ein: Ich lebte mit jemandem zusammen, der süchtig nach Pornografie war. Dort stand auch, dass ich meinen Mann nicht bessern könne. Mein Verstand begehrte gegen diese Aussage auf, doch im Herzen fühlte ich, dass dem so sei.

Ich las auch, wie wichtig es ist, an den Sitzungen teilzunehmen, in denen die 12 Schritte erklärt werden. Wieder sagte mir mein Verstand, dass die Autorin hierin nicht Recht haben könne. Therapien und Sitzungen sind doch nur etwas für seelisch Geschädigte! Den Gedanken zuzulassen, dass ich an einer Sitzung teilnehmen solle, kam dem Eingeständnis gleich, dass ich ein seelisches Wrack sei. Das wollte ich mir nicht eingestehen, doch tief im Inneren wusste ich, dass ich Hilfe nötig hatte.

Als ich das letzte Kapitel gelesen hatte, schrieb ich meinem Mann einen Brief und bat ihn, neben mir zu sitzen, während ich ihm den Brief vorlas. Ich erklärte ihm, dass ich ein paar Grenzen setzen und mich zuerst einmal seiner Sucht entziehen müsse, indem ich mich räumlich entferne. Ich verbrachte ein Wochenende allein in einem Motel in der Nähe des Tempels. Das Wochenende begann ich mit einer Session im Tempel. Anschließend nahm ich mir Zeit zum Nachdenken. Ich betete stundenlang und las in den heiligen Schriften und schrieb alle meine Empfindungen nieder. Bevor ich nach Hause fuhr, nahm ich noch an einer Session im Tempel teil.

Ich hatte, als ich wieder heimkam, eine klare Vorstellung von dem, was ich zu tun hatte. Über das Genesungsprogramm für Suchtkranke fand ich eine Selbsthilfegruppe für Ehefrauen von Pornografiesüchtigen. Ich fuhr jede Woche 45 Minuten hin und wieder zurück, um an den Treffen teilzunehmen. Obwohl ich mich dem Alltag noch immer nicht gewachsen fühlte, schien mein Leben Tag für Tag reibungsloser zu verlaufen. Ich verließ mich auf den Erretter wie nie zuvor. Das Programm wirkte wahrhaftig Wunder für mich, denn es brachte mich dem Erretter sehr nahe. Er half mir, zu trauern und sein Suchtverhalten zu verstehen.

Als sich der Jahrestag jenes dunklen Tages, an dem ich um Hilfe gefleht hatte, näherte, fand ich mich mit einem Lächeln auf den Knien. Ich dankte meinem Vater im Himmel für meine Prüfung. Durch sie war ich dem Erretter nähergekommen als je zuvor, und ich war aufrichtig dankbar.

Dank des Genesungsprozesses habe ich mich wiedergefunden. Ich habe meine Talente wiederentdeckt und herausgefunden, was mich wirklich glücklich macht. Während ich damit beschäftigt war, die Heilige zu spielen, hatte ich zugelassen, dass ich mich völlig in der Sucht meines Mannes verlor. Sie verzehrte mich genauso wie ihn. Heute bin ich dank des Erretters und der Grundsätze, die im Genesungsprogramm für Suchtkranke vermittelt werden, fähig, guten Mutes weiterzumachen.

Ich bin immer noch dabei, zu genesen, und es gibt auch schlechte Tage. Doch jetzt bin ich emotional gerüstet und kann mit ihnen umgehen, denn ich weiß, woher ich Hilfe bekomme. Ich habe so vieles über Hoffnung, Glauben und echte christliche Liebe gelernt. Dank dessen, was ich durchgemacht habe, kann ich intensiver lieben, bewusster leben und strahlender lächeln.