Das Herz erfüllen

*Charlottes Geschichte


Aufgeschlagene heilige Schriften, daneben steht ein leerer Teller.

Mein ganzes Leben lang habe ich mit Übergewicht zu kämpfen gehabt. Ich habe jede Diät ausprobiert. Ich habe regelmäßig Sport getrieben. Doch egal, was ich auch tat, die Waage zeigte immer mehr an, und mein Gesundheitszustand wurde immer schlechter. Ich dachte, um erfolgreich abnehmen zu können, bräuchte ich nur mehr „Willenskraft“ und „Entschlossenheit“.

Aber ich dachte ständig ans Essen. Beim Aufwachen überlegte ich mir schon, was es zum Frühstück geben würde, wie lange es noch bis zum Mittagessen dauerte, was ich zu Abend essen würde und was ich zwischen den Mahlzeiten zu mir nehmen konnte. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, dachte ich darüber nach, was es im Vorratsschrank und im Kühlschrank zu essen gab, wie viel Plätzchenteig ich essen konnte, um noch genug Teig übrig zu haben, um tatsächlich einige Plätzchen zu backen, und welche Hochzeitstorte bei einem Hochzeitsempfang wohl serviert würde. Mir war nicht bewusst, dass meine Sucht nach Lebensmitteln so übermächtig war wie bei jemandem, der Probleme mit dem Trinken, Rauchen, Glücksspiel oder irgend einer anderen schädlichen Gewohnheit hat, die das Leben beherrscht.

Meine Sucht hielt mich nicht davon ab, ein würdiges Mitglied der Kirche zu sein. Sie beeinträchtigte aber mein Verhältnis zu anderen, ganz besonders zu meinem Erlöser. Ich verließ mich nicht auf ihn, um Kraft und Antworten zu finden. Aus irgendeinem Grund dachte ich, das Sühnopfer sei nur für „ernstere Angelegenheiten“ und dass meine Esssucht etwas sei, das ich selbst in den Griff bekommen konnte. Wie sehr ich mich doch irrte. Ich betete demütig um Führung, um zu wissen, wohin ich mich wenden konnte.

Nach inbrünstigen Gebeten fiel mir eines Tages in der Abendmahlsversammlung eine Bekanntmachung über ein wöchentliches Treffen im Rahmen des Genesungsprogramms für Suchtkranke auf, das in unserem Pfahlzentrum stattfand. Ich hatte die Mitteilung schon seit einigen Monaten an der Anschlagtafel gesehen.

Auf den ersten Blick schien das Genesungsprogramm für Suchtkranke ein hervorragendes Programm für Leute zu sein, deren Süchte sie davon abhielten, die Segnungen des Evangeliums zu genießen. Der Gedanke, selbst an diesen Treffen teilzunehmen, stand außer Frage. Ich war immer in der Kirche aktiv gewesen, hatte ein starkes Zeugnis, erfüllte treu meine Berufungen und ging regelmäßig in den Tempel. Warum sollte ich also die Treffen vom Genesungsprogramm für Suchtkranke besuchen müssen?

Doch diese Bekanntmachung stach mir an jenem Tag förmlich ins Auge. Schließlich traf es mich wie ein Blitz, dass ich es mit einer Sucht zu tun hatte, nicht nur mit einer Schwäche. Am nächsten Tag schrieb ich eine E-Mail an den Leiter und erkundigte mich nach dem Treffen. Angst und Stolz erfüllten mich, denn ich wollte nicht den Anschein von „Unvollkommenheit“ erwecken, weil ich an einem Treffen für Suchtkranke teilnahm. Man versicherte mir, dass das Treffen für alle Menschen sei und dass ich dort willkommen sei.

Als die Zeit für mein erstes Treffen gekommen war, graute mir davor. Was, wenn ich jemand traf, den ich kannte? Würde man denken, dass ich als Mitglied nicht würdig bin? Was würde man von meiner Lebensmittelsucht halten? All diese Ängste legten sich in dem Augenblick, als ich das wunderbare Missionarsehepaar, das die Gruppe leitete, und die anderen aufrichtigen Menschen kennenlernte, die dort waren, weil sie die gleichen Antworten suchten. Mir wurde klar, dass es egal war, was für eine Sucht wir hatten. Der Ablauf, um sie zu überwinden, war immer gleich. Ganz gleich, wie viel Willensstärke ich hatte – mir konnte nichts helfen, meine Ausrichtung auf Essen zu überwinden, bis ich meine Aufmerksamkeit auf meine Beziehung zum Erlöser richtete und das Gefühl der Leere in mir mit seiner reinen und vollkommenen Liebe ausfüllte. Wenn ich esse, um ein Problem zu lösen, Stress abzubauen oder mich zu beruhigen, bleibe ich innerlich leer. Wenn ich mich an meinen Vater im Himmel und meinen Erlöser wende, um Trost, Frieden und Freude zu finden, werde ich mit mehr erfüllt, als ich auch nur dachte, dass ich es wollte.

Der Weg zur Genesung war für mich etwas Heiliges. Ich glaube, dass ein jeder in der Kirche von den Grundsätzen des Evangeliums profitieren kann, die in dem Genesungsprogramm für Suchtkranke vermittelt werden. Dieses Programm ist eine inspirierte Antwort auf meine Gebete. Es war für mich eine Reise, auf der ich die Wurzel meiner Essstörung entdeckt habe, und ich habe außerdem viel besser gelernt, nicht über andere zu urteilen. Manche Süchte sind verdeckt und für andere nicht sichtbar, andere Süchte wiederum sind auffälliger. Aber alle Süchte wirken sich auf unser Leben aus und überwältigen uns letzten Endes, wenn sie nicht überwunden werden. Ich befinde mich immer noch auf dem Weg der Genesung und habe mich darauf eingestellt, dass ich mein ganzes Leben täglich damit zu tun haben werde. Doch mache ich mir keine Sorgen, denn ich bin nicht allein damit. Es gibt wunderbare Menschen, die mit mir die Treffen im Genesungsprogramm besuchen, Gruppenleiter, die mich inspirieren, andere, die mir Mut machen, und vor allem meinen Erlöser, meinen Freund, meinen Heiler, der mich auf jedem Schritt dieses Weges begleitet.

* Name geändert.