In seinem Abbild erschaffen

Sidreisʼ Geschichte


Eine Frau schaut in einen Spiegel und sieht das Bild von Christus.

Ich bin eine Tochter Gottes und genese von einer Sexsucht. Meine Abhängigkeit war das dunkelste, hoffnungsloseste und einsamste Kapitel meines Lebens. Ich befand mich in einem tiefen Loch. Alles was ich vernahm, als ich um Hilfe rief, war mein eigenes Echo. Es gab nur Stille um mich herum – meine Freunde, meine Familie – alle waren still, selbst der Herr schien nichts zu sagen. Ich fühlte mich vollkommen allein, ohne Hoffnung darauf, dass jemand seine Hand ausstrecken und mich hochziehen könnte.

Meine Sexsucht wirkte sich auf ganz vielfältige Art und Weise auf mich aus. Aufgrund der Scham, die ich wegen meiner Sucht empfand, hatte ich das Gefühl, dass mich niemand liebte und dass mein Leben sinnlos und wertlos sei. Selbst wenn ich alles versuchte, es würde immer bessere und rechtschaffenere Leute als mich geben. Ich konnte buchstäblich fühlen, wie meine Seele von innen nach außen verwelkte. Solange ich zurückdenken kann, schleppte ich mich mit aufgesetztem Lächeln durchs Leben, um meinen wahren Schmerz vor anderen zu verbergen. Aber ich war unglücklich, ich überlebte nur. Ich hatte immer wieder versucht, meine Sucht auf meine Art zu überwinden, mich immer um Enthaltsamkeit zu bemühen, aber nie um wahre Genesung.

Schließlich vertraute ich mich meinem Bischof an und er empfahl mit das Genesungsprogramm für Suchtkranke der Kirche Jesu Christi. Er gab mir die Anleitung zur Genesung und Heilung von Suchtkranken und schlug vor, dass ich an diesen Treffen teilnahm. Ich tat diesen Vorschlag ab, weil ich zu viel Angst davor hatte, anderen Leuten damit unter die Augen zu treten, auch wenn sie mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten wie ich. Ich wollte die einzelnen Schritte selbst durchgehen und traf mich weiterhin jede Woche mit meinem Bischof. Der Satan bearbeitete mich Tag und Nacht, um mich herunterzuziehen, aber sobald ich die Kirche betrat, um mich mit dem Bischof zu treffen, musste er draußen bleiben.

Es dauerte eine Weile, aber ich arbeitete mich durch den ersten Schritt. Dabei wurde mein Herz erweicht und mir wurde klar, dass ich es niemals allein schaffen würde. Ich brauchte zahlenmäßige Unterstützung, um meine Sucht zu überwinden. Mir wurde auch klar, dass der Satan mehr Einfluss auf mich hatte, wenn ich allein war. Und auch wenn mein Bischof wirklich großartig war, so konnte er nicht auf Dauer meine alleinige Stütze sein. Ich musste mein eigenes Hilfssystem finden und pflegen, darum entschloss ich mich, zu einem Treffen zu gehen.

Ich erinnere mich lebhaft an den Abend meines ersten Treffens. Ich hatte fürchterliche Angst davor, vorwurfsvolle Blicke von den Frauen in der Selbsthilfegruppe zu ernten, und davor, dass sie erkennen, was für ein schlimmer Mensch ich war. Auch befürchtete ich, Leute zu treffen, die mich kannten. Mittlerweile habe ich erkannt, dass der Widersacher versucht hat, mir Angst zu machen. Auf dem Weg zu dem Treffen war mir Angst und Bange. Aber als ich ankam, wartete schon mein Bischof auf mich und ging mit mir hinein.

Als ich eintrat, war nur eine Schwester da. Sie hieß mich so herzlich willkommen, dass meine Angst ein bisschen abebbte. Als jedoch immer mehr Frauen hereinkamen, merkte ich, wie meine Angst zurückkam. Ich versank auf meinem Platz und nahm mit niemandem Augenkontakt auf. Ich fragte mich, was ich da überhaupt zu suchen hätte.

Als es losging, fühlte ich, wie der Geist hereinkam und mich mit seinem wunderschönen, heilenden Licht umgab. Sofort rollten mir die Tränen die Wangen hinunter und ich spürte, dass der Vater im Himmel mir zuflüsterte, dass er mich liebte und ich dort genau richtig war. Mit jeder Frau, die von sich berichtete, wurden die Gefühlswellen der Scham durch Wellen der Bestätigung ersetzt – der Bestätigung, dass ich nicht allein war, dass ich nicht diese kranke, perverse Person war, für die ich mich inzwischen hielt. Nie zuvor hatte ich es für möglich gehalten, dass es andere gibt, die so waren wie ich. Aber hier war ich nun, mit all diesen wunderbaren Töchtern Gottes, die den gleichen Herausforderungen gegenüberstanden. Als das Treffen an diesem Abend beendet war, fühlte ich mich angenommener, geliebter, gestärkter und entschlossener als jemals zuvor.

Ich besuche diese Zusammenkünfte weiterhin und jedes Mal erhalte ich dort wieder Hoffnung in dem Bewusstsein, dass ich auf diesem Weg nicht allein bin. Auf diesem Weg habe ich viele wunderbare Menschen kennengelernt, die mich beständig aufgebaut haben.

Ich bin meinem himmlischen Vater und Jesus Christus unendlich dankbar. Ich habe meinen Erlöser immer geliebt, aber meine Scham war so überwältigend, dass ich nicht geglaubt habe, seiner Gnade würdig zu sein. Ich hatte nie verstanden, mich auf seine Macht der Errettung zu verlassen. Dabei musste ich nur glauben, dass er da sein würde, wenn ich ihn um Hilfe bat und ihm vertraute. Und er war da. Er ließ mir eine zwölfsprossige Leiter herunter, und zwar in Form der Grundsätze des Evangeliums, die in den Schritten des Genesungsprogramms für Suchtkranke vermittelt werden. Mithilfe dieser Leiter, und mit dem Heiland an meiner Seite, der mir Kraft und Mut gab, konnte ich seine helfende Hand nicht länger leugnen. Ich begann mit dem Eingeständnis, dass ich mich außerstande sah, meine Sucht allein zu überwinden. Ich vertraute auf Gott und trat meinen Aufstieg zur Genesung an.

Ich bin jetzt seit etwas über eineinhalb Jahren abstinent. Ich bin meinem himmlischen Vater sehr dankbar dafür, dass er so geduldig mit mir arbeitet, mich formt und mir hilft, Klarheit und Verständnis zu erlangen. Es gab Zeiten, da kämpfte ich täglich mit meiner Sucht. Jetzt aber bin ich von den Ketten der täglichen Versuchungen und des täglichen Kampfes befreit. Mir wurde bewusst, dass meine Sexsucht nur ein Symptom einer tieferliegenden, persönlichen Problematik ist, nämlich dass ich meinen eigenen Wert nicht erkannte hatte. Ich weiß jetzt, dass ich eine wunderbare Tochter Gottes bin. Ich schaue nicht länger in den Spiegel und denke, dass ich hässlich und wertlos bin. Nicht länger schrecke davor zurück, mich selbst anzusehen, denn ich bin in seinem Abbild erschaffen – und dass bedeutet, dass ich unendlich wertvoll bin.